
Wieder daheim


Mit dem Fahrrad Richtung Nordkap, April bis August 2021



Es ist schon eine Weile her, dass wir Johannes und Caroline getroffen haben. Irgendwo zwischen den Zeilen haben wir diese besondere Begegnung schon einmal erwähnt und versprochen, dass es später mehr dazu gibt.
Johannes und Caroline sind zwei energiegeladene, fahrradverrückte Medienprofis und sie kombinieren diese drei Attribute in souveräner Weise auf ihrer Homepage www.tacykeln.se und den dazugehörigen Accounts auf Facebook und Instagram.
Wir sind uns am Vindelälvenstrand bei Selet begegnet und haben uns auf Anhieb verstanden. Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff waren genügend vorhanden und schon war die Idee zu einem Filmporträt geboren. Bei zwei weiteren Treffen haben Johannes und Caroline ihr Equipment mitgebracht, uns interviewt und beim Fahren begleitet.
Wir hatten gehofft, das Endergebnis hier präsentieren zu können, bevor unsere Reise zu Ende geht. Wir müssen uns aber alle noch ein bisschen gedulden. Sicher lohnt es sich, auch in Zukunft ab und zu hier hineinzuschauen (oder natürlich direkt auf www.tacykeln.se). Irgendwann in nächster Zeit können wir dieses einmalige Erinnerungsstück mit euch teilen.
Wir freuen uns sehr!

Zum Abschluss gibt es eine Begegnung der ganz besonderen Art. Auf dem Campingplatz in Sundsvall fällt uns eine Familie mit Fahrrädern auf. Es gibt tatsächlich noch andere Verrückte, die mit Kindern und Fahrrädern unterwegs sind! Sie kommen aus Belgien, reisen mit Pino Hase Tandems und sind neun Monate lang on the road. Viel mehr erfahren wir nicht, denn sie sind auf dem Sprung für eine längere Etappe in Richtung Stockholm, wo sie in wenigen Tagen von Freunden erwartet werden.
Das Glück beschert uns ein zweites Treffen. Als wir am nächsten Tag mit unserem VW-Bus auf unseren eigenen Spuren nach Uppsala fahren, sehen wir die belgische Familie plötzlich am Strassenrand stehen. Natürlich halten wir an und tauschen uns weiter aus. Jetzt kennen wir auch ihre Namen: Griet, Bart, Nanou (11) und Ramon (9) sowie ihre Blogadresse: www.congeepedalee.com
Die Freude an der Freiheit mit der Familie verbindet uns. Wir geben uns das Versprechen, in Kontakt zu bleiben.
Erst am nächsten Tag kommt uns der Gedanke, dass der Weg der Belgier an Uppsala vorbeiführen wird und wir hier ein Treffen organisieren könnten. In Rekordzeit, mit zwei 100-Kilometer-Etappen, erreichen sie Storvreta, den Ort, wo wir vor über drei Monaten unsere allererste Nacht verbracht hatten. Hier treffen wir uns zum dritten Mal. Es wird ein Abend, wie er nie vergehen dürfte.
Griet, Bart, Nanou und Ramon, ihr seid wundervolle Menschen! Wir hoffen sehr, dass eure Reise irgendwann noch durch die Schweiz führt und wir euch bei uns in Chur begrüssen dürfen.



Reisedauer von Uppsala bis Uppsala: 101 Tage
Davon auf dem Fahrrad: 62 Tage
Übernachtungen im Zelt: 88
Davon wild: 46
Davon auf Campingplätzen: 42 Nächte auf 15 verschiedenen Plätzen
Übernachtungen in Stuga oder privat: 12
Längster Aufenthalt an einem Ort: 8 Nächte (Jokkmokk)
Total gefahrene Strecke: 3060 km
Davon auf Tagesausflügen an Ruhetagen: 146 km
Durchschnittliche Tagesetappenlänge: 49 km
Reine Sattelzeit: 251 h 30 min
Durchschnittsgeschwindigkeit: 12.2 km/h
Längste Etappe: 77 km (Hoting – Vilhelmina am 11.05.21)
Kürzeste Etappe: 18 km (Bergom – Långnäs am 15.07.21)
Längster Strassenabschnitt: 740 km (auf der E45 von Hoting bis Karesuando)
Platte Reifen: 0
Durchgefahrene Reifen: 3
Defekte Rückspiegel: 3
Mit Duct Tape reparierte Ausrüstungsgegenstände: 10
Verlorene Milchzähne: 2
Längste Zeitspanne ohne Dusche: 5 Tage (viermal)
Regen- und Schneetage: 12
Elchsichtungen: 16
Gefundene Rentiergeweihe: 8
Gefangene Fische: 2
Sandwichmahlzeiten: 53
Besuchte Lebensmittelläden: 65
Wanderungen: 7
Badeplätze: 10
Konfliktsituationen mit Einheimischen: 0
Gelesene Bücher: 74
Handgeschriebene Tagebuchseiten: 197
Fotos: 10’408
Blogbeiträge: 72
Kategorien für die Statistik: 35
Wir sind zurück in Uppsala, irgendwo zwischen Wehmut und Euphorie.
Was für ein seltsames Gefühl, am Morgen in einem richtigen Bett zu erwachen, ohne von den Landstrassen erwartet zu werden.
Wir sind zurück mit einem Schatz an unvergesslichen Abenteuern und Glücksmomenten. Diesen Schatz zu finden in den Weiten des Nordens war der Urgedanke unserer Reisepläne. Wir bringen ihn sicher nach Hause, um uns für immer an ihm zu nähren.
Vier Jahre lang haben wir an unserem Traum gearbeitet und auch nicht aufgegeben, als vor einem Jahr der Alltag aus den Fugen geriet und alles zu scheitern drohte.
Alleine hätten wir es niemals schaffen können. Für die riesengrosse Unterstützung von euch allen sind wir unendlich dankbar.
Danke, Danke, Danke!
Auf dem Campingplatz in Sundsvall lassen wir unsere Reise ausklingen. Giancarlo fährt mit Bus und Zug die 300 km nach Uppsala, um das Auto zu holen. Das ganze Material wird wieder nach unserem ausgeklügelten System verstaut. Die ersten Schritte auf dem Weg zurück in den Alltag.

Für die Rückfahrt nach Uppsala nehmen wir uns ganz viel Zeit. Wir fahren möglichst entlang der Strecke, die wir vor drei Monaten mit dem Fahrrad hochgefahren sind, also kreuz und quer über Hügel und Schotterstrassen. Konsequent in unserer Nostalgie besuchen wir in Bergsjö fürs Mittagessen wieder die gleiche Pizzeria wie damals und fürs Abendessen das vertraute Fischrestaurant Skärgårdskogen in Gävle. Beim Schlafplatz vom 18. April bei Axmarby nehmen wir noch unsere Wäscheleine von den Bäumen, die wir damals vergessen haben. Ja, wir nehmen es ernst mit dem Anspruch, keine Spuren zu hinterlassen.
Und natürlich schiessen wir in Axmarby wieder ein vergleichendes Bild.


Mit der Fahrt über die zwei Kilometer lange Sundsvall-Brücke endet unsere dreimonatige Fahrradtour durch Schweden.
Ein prägendes Abenteuer geht zu Ende.

In Docksta kommen wir in vertrautes Gebiet, ausgerechnet hier, wo wir Anfang Mai auf Irrwegen waren. Die Strecke Docksta – Ullånger fahren wir somit zum dritten Mal. Ab jetzt folgen wir mehrheitlich dem uns bekannten Weg bis Sundsvall, wo unsere Tour zu Ende gehen soll.
Es macht Spass, die vertrauten Ecken nochmals zu sehen. Die Schlafplätze von damals lösen ein bisschen Wehmut aus. Wir schwelgen in Erinnerungen und so manches Weisst-du-noch-Gespräch kommt auf.
Besonders spannend ist es, die Veränderungen in der Landschaft zu sehen, jetzt wo alles grünt und blüht.
Ein paar Beispiele gefällig?


























Für den zermürbenden Aufstieg zwischen Nordmaling und Flärka durch brütende Hitze auf löchriger Schotterstrasse werden wir mit einem Beerenschmaus belohnt. Hier oben wächst die Moltebeere, auf Schwedisch Hjortron. Wir treffen einen Beerensammler, der uns ein paar Tipps gibt und schon legen wir uns selber ins Zeug.



Im nächsten ICA besorgen wir uns eine Packung Vanille-Eis. Die Beeren werden mit ein wenig Zucker aufgekocht und dann gibt es für alle eine grosse Portion Coup Hot Hjortron.

Zum ersten Mal sind uns die Schilder auf dem Weg von Karesuando in Richtung Süden aufgefallen und es hat ein Weilchen gedauert, bis uns klar wurde, dass «Artrik» nichts mit «Arktik» zu tun hat. Oder besser gesagt, erst als die Schilder auch weit südlich vom Polarkreis immer noch regelmässig auftauchten, sind wir misstrauisch geworden, haben genauer hingeschaut und endlich unseren Lesefehler bemerkt.
Wir konnten das Geheimnis lüften: «Artrik vägkant» heisst «Artenreicher Strassenrand». Strassenränder nehmen eine grosse Fläche ein und bieten Lebensraum für viele Pflanzen- und Insektenarten, die von der modernen Landwirtschaft zurückgedrängt werden. Die als «artenreiche Strassenränder» ausgewiesenen Abschnitte werden durch gezielte Massnahmen und angepasste Strassenpflege zusätzlich gefördert.
Und wirklich, die Vielfalt ist berauschend. Hier eine ganz kleine Auswahl:





Wo Pflanzen und Insekten gedeihen, finden auch Vögel einen Lebensraum. Während die Blumenwelt Schwedens der unseren sehr ähnlich ist, sehen wir viele Vögel, die man bei uns nicht oder nur mit Glück beobachten kann. Ab und zu gelingt uns sogar ein Foto.



Es werden in Skandinavien zurzeit etliche Hitzerekorde geknackt, entnehmen wir den Nachrichten. Unsere Fixpunkte während der Tagesetappen sind nun Badestrände und Eisbuden. Beides ist nicht immer leicht zu finden und es lohnt sich, mit den Einheimischen zu sprechen. In Åkullsjön will uns eine hilfsbereite Frau sogar gleich mit dem Auto zum Badeplatz des gleichnamigen Sees fahren. Es erweist sich aber als unkomplizierter, die zwei Kilometer mit dem Fahrrad selber zu meistern. Am Abend des gleichen Tages entdecken wir bei Botsmark einen Rastplatz am See, so dass es vor dem Schlafen nochmals einen Sprung ins Wasser gibt. Zwischen Rödånäs und Selet finden wir am nächsten Tag Dank der detaillierten Wegbeschreibung eines Passanten einen versteckten Strand am Fluss Vindelälven. Eigentlich sind wir nur auf der Suche nach einem Mittagsplätzchen mit Abkühlungsmöglichkeit. Aber der Platz bietet alles, was wir brauchen und wir bleiben gleich für zwei Nächte. Dass wir deswegen mit den vorhandenen Lebensmitteln sehr haushälterisch umgehen müssen, nehmen wir gerne in Kauf.
Vielleicht ist es dem übermässigen Badespass zu verschulden, dass Timo, Alina und Steffi nun mit einer Erkältung zu kämpfen haben? Nicht weiter schlimm, aber ein zusätzlicher Grund, das Tempo zu drosseln. Wir haben keine Eile und fahren deshalb von unserem Traumstrand nur die 30 km bis Vännäs, wo der nächste Campingplatz liegt. Hier bleiben wir, bis sich alle wieder fit fühlen und/oder die Temperaturen sinken.




Ja, es gibt wirklich fast so viele Stechviecher in Schweden, wie Schauermärchen dazu. Und ja, sie können wirklich sehr lästig werden. Neben den Stechmücken, die mit ihren Rüsseln dummerweise auch Stoff durchdringen können, ärgern uns zum Beispiel die kleinen schwarzen Kriebelmücken und Gnitzen sowie Bremsen in allen Grössen.

Wir fahren teilweise durch Gebiete, in denen schon ein Pinkelhalt verheerende Folgen haben kann. Aber man entwickelt beim Reisen in der Natur schnell ein recht zuverlässiges Gespür dafür, ob ein Ort geeignet ist als Pausen- oder Schlafplatz. Allenfalls hilft es, ein bisschen abzuwarten. Wird man nach fünf Minuten noch nicht von unzähligen Mücken umschwirrt, wird die Situation mindestens erträglich bleiben. Mit Glück findet man sogar einen Platz, an dem man fast ungestört bleibt. Das ist natürlich nicht immer möglich, weshalb es gewisse Methoden braucht, die Tierchen zu überlisten. Die handelsüblichen Abwehrmittelchen sind uns nicht sympathisch. Deren Gestank ist fast noch lästiger, als die Mücken selber. Wie man hier sieht, haben wir ein paar andere Tricks auf Lager:






15 Liter Trinkwasser füllen wir auf, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Das reicht je nach Wetter für ein bis zwei Tage. Wenn es eng wird, haben wir jederzeit die Möglichkeit, mit unserem Wasserfilter an einem See oder Bach Trinkwasser zu pumpen. «Fischwasser» wird das bei uns genannt, obwohl es trotz der leichten Färbung meistens absolut neutral schmeckt.


Am einfachsten ist es natürlich, die Flaschen auf einem Campingplatz aufzufüllen. Da wir aber die meisten Nächte irgendwo in der Wildnis verbringen, brauchen wir auch andere Quellen. So kommt es, dass wir regelmässig bei Kirchen Halt machen, denn die Wasserstellen auf den Friedhöfen führen fast immer Trinkwasser. Zu Beginn unserer Reise erbrachten unsere Kirchenstopps häufig nicht das erwünschte Ergebnis, denn so lange mit Frostnächten zu rechnen war, waren die meisten Wasserhähne ausser Betrieb. In solchen Fällen hat uns manchmal der Friedhofgärtner weitergeholfen oder wir mussten halt unverrichteter Dinge weiterfahren und uns mit Fischwasser begnügen.








Der Vollständigkeit halber wollen wir noch die «Wasserkirchen» ergänzen, die nach dem Verfassen dieses Beitrags dazugekommen sind.






Beim Start unserer Reise roch es nach Frühling. Dann kam der Winter zurück und die beiden lieferten sich ein wochenlanges Duell. Gewonnen hat keiner, denn jetzt herrscht der Sommer.











Für das Mittsommer-Wochenende machen wir Fahrradpause und quartieren uns für drei Nächte auf dem Campingplatz bei Luleå ein. Wir möchten die Stadtnähe auch für ein paar Einkäufe nutzen. Aber während der Feiertage ist alles geschlossen. Deshalb verlängern wir unseren Aufenthalt um zwei Nächte. Kurz vor unserer Weiterfahrt erfahren wir, dass Sabi, Astrid und Mattis in der Stadt sind. Also verlängern wir spontan um nochmals eine Nacht und können ein freudiges Wiedersehen feiern.







Es ist ein Symbol der Gemächlichkeit unserer Fortbewegung und begleitet uns durch das ganze Land: Das Falunrot, auf Schwedisch Falu Rödfarg.


Leichtigkeit und Bodenständigkeit ergänzen sich in dieser Farbe. Ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme löst sie aus, in der kargen Waldtundra Lapplands und auf felsigen Schäreninseln zwischen knorrigen Kiefern genauso wie in üppigen Blumenwiesen, an versteckten Seen oder an sandiger Küste.
Ein Bote aus vergangenen Zeiten, der uns Gelassenheit lehrt.

Ob von leuchtenden Birken umstanden, in dichtem Nadelwald verborgen oder freistehend am offenen Meer, die falunroten Häuser strahlen Ruhe und bescheidene Freude am Schönen aus. Man fühlt sich eingeladen.



Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts hat man in den Kupferminen Faluns angefangen, aus den Abfallstoffen des Erzabbaus Holzfarbe herzustellen. Das wetterbeständige und ungiftige Produkt war nicht nur preiswert und zweckmässig, sondern erinnerte in seiner Farbe auch an die Backsteinhäuser der wohlhabenden Bevölkerung Mitteleuropas. Bald bei allen Gesellschaftsschichten beliebt, war ihm sein Siegeszug gewiss.



Wir werden das Falunrot in unseren Herzen nachhause tragen und das nördliche Flair zudem in unseren Garten bringen. Vor unserer Heimreise wollen wir uns einen kleinen Topf Schwedenrot besorgen und zuhause unseren Hühnerstall streichen. Für das Glück der Hennen und als Erinnerung für uns.

Die Kinder nutzen einen stimmungsvollen Abend in Överkalix für Experimente mit dem Knipser.




Nein, natürlich überqueren wir keinen zweiten Polarkreis. So schnell fahren wir nun auch wieder nicht in Richtung Süden. Es ist derselbe wie letztes Mal, einfach 130 km Luftlinie weiter östlich.
Wir sind zurück in den gemässigten Zonen. Eine Mitternachtssonne gibt es nicht mehr für uns, nicht einmal zur Mittsommernacht, die am nächsten Freitag gefeiert wird.













Kitkiöjoki, Kätkesuando, Kaalamakoski, Aareavaara, Mukkakangas, Muodoslompolo… Eine Orgie kunstvollen Vokalgebrauchs begleitet uns von Karesuando bis Pajala. Die meisten Orte so klein, dass eine beidseitig beschriftete Tafel gleichzeitig als Ortseingangs- und Ortsausgangsschild dienen kann.
Nach unserem Richtungswechsel in den Süden schalten wir einen Gang zurück. Wir fahren gemütlich von Raststuga zu Raststuga. Das sind kleine Hütten oder Unterstände mit Feuerstellen, die frei benutzt werden dürfen und von denen es auf dieser Strecke plötzlich ganz viele gibt. Geschlafen wird weiterhin im Zelt. Aber das Wetter ist sehr wechselhaft und unberechenbar im Moment. Sonnenschein und Regen können sich im Fünfminutentakt abwechseln. Dank der Hütten sind wir den Wetterlaunen etwas weniger ausgeliefert.


Die Natur ist weiter erwacht. Das triste Braun ist einem üppigen Grün gewichen. Fingerkräuter, Hahnenfuss, Trollblume, Weidenröschen, Vogelwicke, Lichtnelken. Wir staunen über die Vielfalt an Blumen und können fast zuschauen, wie das Gras wächst. Bei den vielen Rasenmähern, die in Siedlungsnähe plötzlich zu sehen und zu hören sind, kommen fast schon heimatliche Gefühle auf.


Die Sonne geht nicht mehr unter. Sie versteckt sich zwar an den meisten Orten irgendwann gegen Mitternacht hinter den Baumwipfeln, aber es bleibt taghell. Wir wollen dieses Phänomen einmal fahrend erleben und planen eine Nachtetappe. Wir verbringen den ganzen Tag bei einer Stuga, starten um 23 Uhr und fahren mit der Sonne im Rücken durch kühle Nachtluft und eindrückliche Lichtverhältnisse. Ein sonderbares Gefühl. Die Müdigkeit und die Kälte zwingen uns, bereits nach gut zwei Stunden unser Nachtlager aufzuschlagen. Wir finden ein Plätzchen mitten im Schatten spendenden Wald, so dass wir bis zum nächsten Mittag ausschlafen können.








/flútsch/
Substantiv, maskulin
Als Flutsch wird eine sich bei Regen auf dem Tunnelzeltdach bildende Wasserlache zum Zeitpunkt ihres Abfliessens über die Zeltwand bezeichnet. Ein Flutsch wird bei gut abgespanntem Zelt ohne menschliches Zutun alleine durch die Schwerkraft und das zunehmende Gewicht der Wassermasse oder einen Windstoss ausgelöst. In seltenen Fällen entsteht der sogenannte Doppelflutsch, bei dem sich zwei Lachen beidseitig der Wasserscheide bilden und zeitgleich als Flütsche in entgegengesetzter Richtung abfliessen. Das Phänomen kann besonders eindrücklich in regnerischen Sommernächten nördlich des Polarkreises im Zelt liegend beobachtet werden und geniesst dort den Status eines Familienspektakels.
Bevor wir uns auf den Weg Richtung Süden machen, wagen wir einen verwegenen Versuch an der Grenze. Mehr aus Prinzip als mit Hoffnung. Wie erwartet, gibt es kein Durchkommen, auch nicht mit Fahrrädern, auch nicht mit Kindern, auch nicht bei Regen. Es gibt keine mildernden Umstände.

Unberührte Wald- und Berglandschaft mit ein paar zerstreuten Siedlungen, in der die Samen im Einklang mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten ihre Rentierzucht betreiben. So stellen wir uns Lappland vor. Aber Lappland ist nicht nur Natur und Wildnis. Lappland deckt mit seinen Wasserkraftanlagen auch 25 % des schwedischen Energiebedarfs. Das hinterlässt Spuren. Kilometerlange Stauseen schneiden die Wanderwege der Rentiere ab, so dass sie nicht mehr selbständig zwischen Sommer- und Winterweiden wechseln können. Die ausgetrockneten Flussbette hinter den Staumauern verhindern Fischwanderungen und gefährden die Bestände. Der Harsprångsfallet bei Porjus beispielsweise war bis 1950 eine grosse Touristenattraktion. Er führte im Frühling bei der Schnellschmelze bis zu 1500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Seit der Errichtung des Staudamms gleich oberhalb des Wasserfalls kommt kein Tropfen mehr.


Die sechs letzten Tagesetappen zum nördlichsten Punkt unserer Reise sind geprägt von Einsamkeit, Sonne und Mücken. Wir folgen weiterhin ausschliesslich der wenig befahrenen E45. Auf den letzten 100 km teilen wir die Strasse fast allein mit einem kräftigen Rückenwind. Sehr sympathisch.



Schlafplätze zu finden ist inzwischen ganz einfach. Es gibt viele unbewachsene und flache Stellen mit sandigem, trockenem Untergrund. Die Frage ist eher, um welche Zeit Tagwache sein soll. Denn wenn der Platz gegen Osten keine Schatten spendenden Bäume bietet, jagt uns die Sonne schon mitten in der Nacht aus dem brütend heissen Zelt. Wir haben uns angewöhnt, noch vor sechs Uhr aufzustehen und spätestens um neun Uhr loszufahren. So können wir bis zur grossen Mittagshitze die ersten 20 bis 30 km fahren und dann eine ausgedehnte Pause an einem Schattenplätzchen machen.

Nördlicher als Karesuando kommen wir auf unserer Reise nicht. Die finnische Grenze bleibt bis auf Weiteres für jeglichen touristischen Verkehr geschlossen.
Natürlich ist es schade, dass wir unseren ursprünglichen Plan nicht verwirklichen können und dass uns die nördlichsten Landschaften Europas entgehen. Aus der Fahrt ans Nordkap wird jetzt eine Schwedenrundfahrt und das ist genauso reizvoll. Das Land ist uns ans Herz gewachsen. Wir bleiben gerne noch ein paar Wochen und erfreuen uns der schwedischen Gelassenheit.














Das Paket ist da!!!
Wir können wieder auf Achse.
Morgen sind wir on the road again.

Ein Mietauto ersetzt für vier Tage die Fahrräder und hilft uns, die Wartezeit zu überbrücken.
Aus der Verlegenheitslösung wird ein berauschendes Naturerlebnis im Fjäll. Beim Wandern erfahren wir einen Hauch der Unendlichkeit des lappländischen Gebirges: die Wälder und Seen um Kvikkjokk und ein paar Höhenzüge des Stora Sjöfallets Nationalpark im UNESCO Weltnatur- und Weltkulturerbe Laponia.
Uns fehlen die Worte. Lassen wir die Bilder sprechen:
















«Wir fahren in den Frühling», haben wir vor sieben Wochen getitelt und haben seither auf Frühlingszeichen gewartet. Plötzlich ist es tatsächlich so weit. Alles spriesst und blüht, Jokkmokk erstrahlt in zartem Grün.



Die Sache mit der gebrochenen Deichsel zieht sich in die Länge. Und wie sehr uns dieses verflixte Teil in den letzten zwei Wochen beschäftigt hat, darf sich ruhig am Raum zeigen, den es an dieser Stelle erhält:
Vor elf Tagen haben wir die Ersatzdeichsel bestellt, nachdem man uns am Telefon informiert hatte, dass die Lieferfrist fünf bis sieben Tage beträgt. Gemäss DHL-Tracking ist allerdings das Paket zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal in Schweden. Das kann also noch dauern. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass sich die Schweizer Qualitätsfirma Leggero eine ganze Woche Zeit gelassen hat, die Bestellung überhaupt abzusenden…
Die aufmerksamen Leser und Leserinnen unseres Blogs werden sich jetzt fragen, warum wir überhaupt einen Ersatz brauchen. Schliesslich ist die Deichsel doch in Karlsgård zu unserer vollen Zufriedenheit repariert worden. Leider stellten wir aber schon nach kurzer Fahrt fest, dass wir die Torsionskraft auf die beiden Deichselteile unterschätzt hatten, sie sich gegeneinander verdrehten und die Wanne bald bedrohlich tief hing. Da das eingebaute Metallrohr aufgrund der Konstruktion nur am vorderen Deichselteil verschraubt werden konnte, wurde die Drehkraft nicht mehr durch die Führungsschienen in der Deichselaufnahme aufgefangen, sondern lastete vollumfänglich auf dem Sicherungsstift, was dieser kaum auf die Dauer ausgehalten hätte. Wir waren aber überzeugt, dass die Konstruktion noch eine gute Strecke halten würde.
Wir entschieden uns deshalb für eine Ersatzbestellung ins 240 km entfernte Jokkmokk und machten uns mit gemischten Gefühlen auf den Weg dorthin. Am zweiten Tag hatten wir die Idee, die zwei Deichselteile mit zwei Zeltheringen in den Nuten gegeneinander zu fixieren. Zudem versuchten wir, die Deichsel so weit wie möglich zu entlasten. Das bedeutete insbesondere, dass die Kinder zusätzlichen Ballast auf ihre Fahrräder bekamen und dass wir möglichst viel Gewicht hinter die Achse brachten, um die Hebelwirkung auf die Deichsel zu minimieren.
Zum Glück führte uns die ganze Strecke ausschliesslich über geteerte Strassen, so dass eine vorsichtige Fahrweise immer gut möglich war und wir nach fünf Tagen tatsächlich unbeschadet in Jokkmokk eintrafen.
Und hier warten wir nun seit bald einer Woche auf das Paket. In der Zwischenzeit erkunden wir die Gegend, schauen der Natur beim Erwachen zu und geniessen das Dolcefarniente. Timo hat hier seinen 13. Geburtstag gefeiert und morgen bekommen wir eine Privatführung im örtlichen Samenmuseum.
Langweilig wird uns nicht an diesem wunderschönen Ort. Und dennoch kribbelt der Drang, endlich wieder in die Sättel zu steigen. Die Ungewissheit, wie lange wir hier noch festsitzen, nagt an uns.
Wir sind doch unterwegs, um unterwegs zu sein!


















Neues erwartet uns.
Die Taschen sind gepackt, die Räder beladen. Wir sind ausgeruht und bereit.
Die Neugierde treibt uns an.
Was bringt uns die nächste Kurve, die nächste Kuppe? Wie weit trägt uns die Strasse heute? Was zeigt uns der Wind?
Wir verlassen einen besonderen Ort. Wir haben ihm unser Vertrauen geschenkt. Er wird für immer ein Teil von uns bleiben.
Ein letzter Blick zurück, ein stummes Danke. Aufbruch ins Unbekannte.
Goin‘ places that I’ve never been
Seein‘ things that I may never see again
And I can’t wait to get on the road again
(Willie Nelson)
Eine trockene und flache Stelle in Zeltgrösse abseits der Strasse, ausser Sichtweite von Häusern.
Feuerholz ist da, vielleicht eine Wasserstelle.
Vielleicht ist der Platz uns zugefallen, ohne zu suchen und ohne zu zögern. Vielleicht haben wir lange gesucht, haben Nebenstrassen abgefahren, haben abgewogen, Untergründe geprüft, sind schon viel weiter gefahren, als geplant.
Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Wir sind angekommen. Ein Tag voller Eindrücke, Erlebnisse und Entdeckungen wird hier zu Ende gehen.
Dieser kleine unscheinbare Fleck auf der grossen Erde wird für kurze Zeit zu unserem Mittelpunkt, gibt uns Schutz und Geborgenheit, lässt uns Kräfte sammeln.
Ein Zuhause für eine Nacht.
Nach 1458 km Fahrt erreichen wir heute um 13.20 Uhr den Polarkreis.


Wir entscheiden uns, in Sachen Deichsel auf Nummer sicher zu gehen und bestellen in Sorsele das Ersatzteil nach Jokkmokk auf den Campingplatz. Wir trauen also dem Provisorium immerhin 240 km zu. Aber dazu mehr, wenn der Ausgang der Mission klar ist.
Da das Paket aus der Schweiz nach Jokkmokk mindestens eine Woche braucht, können wir uns für die Strecke ebenfalls Zeit lassen. Und das ist gut so, denn der Schnee und der Wind machen uns langsam. Die fünf Etappen werden zu einem speziellen Abschnitt auf unserer Reise. Nur eine Stadt (Arvidsjaur) und eine Handvoll kleiner Siedlungen liegen auf dem Weg. Wir müssen also die Lebensmitteleinkäufe gut planen. Campingplätze gibt es zwar den ein oder anderen, aber sie liegen ungünstig für uns. Deshalb verzichten wir auf diesen kleinen Luxus. Die schneereichste Nacht erleben wir bei Avaviken. Wir müssen regelmässig aufstehen und das Zeltdach von der Schneelast befreien. Aber unsere Ausrüstung hält, was sie verspricht, sowohl nachts wie tagsüber. Niemand klagt über die Temperaturen, ausser ab und zu über kalte Finger oder Zehen während der Fahrt. Bis auf das Zelt, welches wir mehr als einmal nass einpacken müssen, bleibt alles trocken. So können wir trotz allem die Wildnis und die Weiten des winterlichen Lapplands geniessen.































Unsere 25. Etappe soll uns endlich zu unserem grossen Zwischenziel Karlsgård bei Sorsele führen, wo wir bei Sabi, Danne, Astrid und Mattis ein paar entspannte Tage verbringen können. Obwohl wir dazu nochmals eine grosse Strecke bewältigen müssen und Timo mit Bauchschmerzen kämpft, kommen wir gut voran. Noch vor Kurzem erschien uns dieses Sorsele unerreichbar fern und nun sind wir plötzlich so nah. Das motiviert. Und dennoch bleiben wir 20 km vor dem Ziel beinahe stecken…







Die Reise durch Lappland ist bisher weitgehend eine feuchte Angelegenheit. Inzwischen wissen wir auch, wie es sich anfühlt, wenn am Morgen beim Aufwachen der Regen aufs Zeltdach prasselt. Bei Storuman versuchen wir zuerst, das Problem mit Abwarten zu lösen. Für diese Strategie erweisen wir uns jedoch als zu ungeduldig. Also packen wir bei Regen zusammen und fahren ohne Frühstück die rund 10 km in die Stadt, wo wir in einer Imbissbude dem Nass entfliehen können. Timo und Alina gönnen sich einen Rentierburger zum Frühstück. Das gibt es wahrlich nicht alle Tage!








Wir erleben als Familie ein intensives Abenteuer! Wir meistern gemeinsam Schwierigkeiten und teilen Glücksmomente. Das wichtigste Ziel unseres Projekts ist schon jetzt mehr als erfüllt.
Beim sportlichen Aspekt wird es schwieriger. Das Nordkap ist nach einem Monat Fahrrad fahren noch in weiter Ferne. Ein Grund ist, dass wir die Höhenunterschiede unterschätzt haben und unsere Tagesetappen kürzer sind, als auf früheren Touren. Letztes Jahr auf dem Spreeradweg waren Etappen von 50 bis 70 km normal. In Schwedens Küstengegend waren wir häufig schon nach 30 km am Ende unserer Kräfte.
Ein anderer Grund sind die Umwege, die wir im ersten Teil der Reise immer wieder in Kauf nahmen, um grosse Strassen zu meiden oder um etwas Besonderes zu sehen. In Zahlen ausgedrückt: Wir sind inzwischen 938 km gefahren, obwohl Google Maps für die Strecke von Uppsala bis zu unserem aktuellen Standpunkt bei Dorotea 578 km angibt. Das sind immerhin 360 km Extraschlaufen.
Im Moment geht es ziemlich zügig und verhältnismässig flach Richtung Norden. Weiter oben erwarten uns dann wieder mehr Erhebungen. Wir werden sehen, wie weit wir kommen, bevor wir uns über die Rückreise Gedanken machen müssen. Zurzeit wäre ein Grenzübertritt nach Norwegen sowieso nicht erlaubt. Auch deswegen schmieden wir verschiedene Alternativen im Hinterkopf.
Was aber sicher ist: Weiterhin wird uns jeder Tag neue Überraschungen, Entdeckungen und Erfahrungen bringen.

Mit dem Verlassen der Küstengegend hat ein neuer Abschnitt unserer Reise begonnen. Neue Eindrücke von Wildnis, Abgeschiedenheit und Natur. Die Landschaft ist weniger hügelig, so dass wir deutlich schneller und leichter vorwärtskommen. Die Hauptstrassen zu meiden, so wie wir das bisher immer versucht haben, ist nicht mehr sinnvoll und meistens gar nicht mehr möglich. Die Strassen sind wenig befahren und die schwedischen Autofahrer verhalten sich extrem rücksichtsvoll gegenüber Radfahrern.
Sind wir nun schon in Lappland oder nicht? Die Definitionen über die Abgrenzung sind nicht einheitlich. Aber als heute Morgen eine Rentierherde friedlich grasend vor unserer Stuga auf dem Campingplatz Kilvamma (bei Dorotea) steht, sind wir uns ziemlich sicher, dass es nicht mehr weit sein kann.





Neben der Tatsache, dass wir ein ganzes Stück zurückradaln müssen, gibt es noch einen anderen Dämpfer. Der Reifen von Steffis Hinterrad hat mehrere Risse und wird der Belastung nicht mehr lange standhalten. Bestimmt hatte sich dieser Schaden schon längst abgezeichnet, doch niemand hat es bemerkt und nun brauchen wir dringend einen Ersatz. Doch der nächste Mechaniker ist 30 km südlich. Abgesehen davon, dass wir unter keinen Umständen nochmals in die falsche Richtung fahren wollen, würde der Reifen diese Strecke gar nicht mehr überleben. Vielleicht kann uns in Ullånger jemand weiterhelfen. Die 6 km bis dort fährt Timo mit Steffis Velo, um den Reifen möglichst zu schonen. Wir stellen uns auf eine langwierige Suche mit viel Zeitverlust ein. Aber wir haben grosses Glück und entdecken einen Werkzeugladen, der ein paar Fahrradartikel im Sortiment hat. Tatsächlich hat er auch einen passenden Reifen an Lager.
Bei der Gelegenheit ersetzen wir gleich noch unsere Fahradpumpe, damit wir endlich wieder alle genügend Druck in die Schläuche bekommen.
So kommen wir nach einem bisschen Reparaturzeit sogar noch ein gutes Stück weiter in die richtige Richtung. Ein wunderbares Gefühl, wieder auf Kurs zu sein.



Schon wieder Planänderung!
Als wir nach dem Abstieg vom Skuleberget weiterfahren wollen, müssen wir feststellen, dass der neue Fahrradweg hier endet. Wir versuchen es noch mit einer Alternative durch den Nationalpark, aber nach einigen Kilometern zeigt sich, dass dieser Weg mit Anhängern nicht befahrbar ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als umzukehren. Nach 30 km Fahrt stellen wir unser Zelt am gleichen Ort auf wie gestern.
Aber der Tipp mit dem Skuleberget war wirklich gut. Dafür hat sich der Umweg gelohnt.


Wir haben nach einem Gespräch mit einer Frau in Ullånger unseren Plan nochmals geändert. Von ihr haben wir erfahren, dass es einen neuen Fahrradweg entlang der Küste gibt. Sie hat uns auch empfohlen, den Skuleberget bei Docksta zu besteigen. Deshalb wird heute mehr gewandert, als gefahren.

Zwischen diesen Bildern liegt gerade mal eine Stunde.


Nach sechs Satteltagen in Folge wollen wir uns eine Pause an einem besonderen Ort gönnen. Deshalb bringen wir uns auf der letzten der sechs Etappen mit fast 70 km an unsere Grenzen und fahren ins Herzen der Höga-Küste. Hier im UNESCO Weltnaturerbe verbringen wir drei ruhige Tage vor schönster Kulisse.
Geplant war, noch bis Örnsköldsvik an der Küste zu bleiben. Doch auf dem nächsten Abschnitt wären wir gezwungen, auf der Hauptverbingungsstrasse E4 zu fahren. Darauf verzichten wir gerne und stechen jetzt schon ins Landesinnere. Ab jetzt richtet sich die Routenwahl nach der Verfügbarkeit von Lebensmittelläden. Der nächste grosse Fixpunkt ist Sorsele, wo wir Sabi mit ihrer Familie besuchen. Das wird aber noch ein Weilchen dauern.








Ich finde es spannend zu sehen, wie sich die Landschaft von Tag zu Tag verändert und mit ihr auch die Tiere. Je weiter wir in den Norden kommen, desto mehr unterscheidet sich die Landschaft und die Tiere hier in Schweden von zuhause in Chur.
Wir haben vielleicht nicht mehr Tiere als zuhause zu dieser Zeit gesehen, aber auf jeden Fall andere.
Darunter waren zahme Haustiere wie beispielsweise Schafe oder Pferde.

Es gab aber auch wilde Tiere. Darunter waren hauptsächlich Kraniche, Möwen, Gänse, Schwäne und viele mehr.


Tote Tiere habe wir auch mehrere gesehen.
Das Highlight dieser ganzen Tiere waren aber die Elche, von denen wir am 29.04.21 zwei und am 01.05.21 einen gesehen haben.

Es gibt aber ein Tier, das sehen wir jeden Tag und es ist immer das gleiche:
Unser treuer Weggefährte Josef.

Nun hat uns der Winter doch noch eingeholt. Oder besser gesagt, wir haben den Winter eingeholt. Oder wir reisen schneller in den Norden als der Frühling. Wie auch immer, die Temperaturen sind allgemein tiefer geworden. Immer häufiger fahren wir an zugefrorenen Seen vorbei oder durch Gegenden, in denen noch Schnee liegt. In Gesprächen mit den Einheimischen werden wir immer wieder bedauert, da wir angeblich einen besonders kalten April erwischt haben. Wir können aber sowieso nicht vergleichen mit anderen Jahren und nehmen es, wie es ist. Wir sind vor allem froh, dass es bisher fast immer trocken war. Und es ist noch keine einzige Mücke unterwegs.





Wenn wir Eltern uns am Morgen irgendwann zwischen 7 und 9 Uhr langsam aus dem Zelt wagen, drehen sich die Kinder noch einmal um und schlafen friedlich weiter. Recht haben sie, denn draussen herrschen maximal 5 Grad. Und ausserdem brauchen sie ihren Schlaf, schliesslich sind die Tage streng und abends wird es immer spät (als Folge der morgendlichen Gemütlichkeit). Es gibt einiges zu tun, bevor die Reise weitergehen kann: Josef braucht einen kleinen Spaziergang, das Geschirr vom Vorabend ist vermutlich noch nicht abgewaschen, nach Möglichkeit wird Trinkwasser gefiltert, es braucht eine Leine zum Auslüften der Schlafsäcke, vielleicht sind wir mit dem Tagebuch im Rückstand und ganz sicher muss ein reichhaltiges Frühstück vorbereitet werden mit Tee, Kaffee und Kakao. Ein Vorteil der tiefen Temperaturen ist, dass wir problemlos Milchprodukte mitführen können. In Schweden ein besonderes Vergnügen, denn der Joghurt und die für Skandinavien typische, leicht säuerliche Filmjölk werden grundsätzlich in Literpackungen verkauft. Zudem sind sogar in kleinen Geschäften diverse Geschmacksrichtungen laktosefrei erhältlich, so dass auch unsere Frauen aus dem Vollen schöpfen dürfen. Fürs Brot darf hierzulande die gesalzene Butter nicht fehlen. Dafür ist es mit dem Käse schwieriger. Da haben wir bis jetzt noch nichts Berauschendes gefunden.
Bis das Frühstück bereit ist, sind auch die Kinder aus den Schlafsäcken gekrochen und haben sich warm angezogen. Wenn alle satt sind, wird zusammengeräumt und fachgerecht in die Satteltaschen und Anhänger verstaut. Wir staunen selber jeden Morgen, wie viel das zu tun gibt. Ganz zum Schluss brechen wir das Zelt ab. Wenn wir die Möglichkeit hatten, das Zelt mit freier Sicht nach Osten aufzustellen, hat es bis zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Sonnenstrahlen gesehen und ist einigermassen frei von Kondenswasser. Ansonsten halb so wild, es wird ja schon bald wieder ausgepackt.
Meistens ist es schon fast Mittag, wenn wir uns mit einem letzten Kontrollblick davon überzeugen, dass wir unseren Schlafplatz genauso verlassen, wie wir ihn angetroffen haben.
Wohlgemerkt, das ist der Schönwetterablauf. Wie das alles aussieht, wenn beim Erwachen der Regen aufs Zeltdach prasselt, wissen wir noch nicht.
Wir werden es bestimmt noch erfahren.






Nach zwei Wochen in ländlicher Abgeschiedenheit verbringen wir einen Tag in der Stadt. Auch wenn die Hafenstadt Sundsvall nur ca. 60’000 Einwohner hat, fühlt man sich aufgrund der grossen Industriegebiete und Einkaufsviertel wie in einer Grossstadt. Die Innenstadt ist sehr gemütlich und sehenswert. Wieder lernen wir viele Leute kennen und wir verbringen viel Zeit mit Plaudern.
In Sundsvall soll man seine Ausrüstung und Vorräte für die Weiterreise in den hohen Norden aufstocken. Das tun wir. Zum Beispiel braucht Timo eine neue Fahrradkette und Alina einen Rückspiegel.
Bis Örnsköldsvik werden wir nun weiter der Küste folgen. Es soll eine der schönsten Landschaften Schwedens sein.



Kurz bevor wir den Camping vor Sundsvall erreichen, werden wir von einem Journalisten der Sundsvalls Tidning angehalten. Er sei informiert worden, dass wir demnächst hier auftauchen würden. Offenbar hat ihn ein Mann angerufen, mit dem wir ein paar Kilometer früher geplaudert haben und der sich dachte, unsere Geschichte sei pressewürdig. Nach einem kurzen Interview und ein paar Fotos geht unsere Reise schon wieder weiter. Bereits am Abend bekommen wir ein Mail, der Artikel sei online. Ohne Abo ist er allerdings nicht einsehbar. In der Papierversion vom Montag ist er noch nicht abgedruckt und am Dienstag sind wir bereits wieder zu weit nördlich, um noch ein Exemplar zu bekommen. Deshalb können wir den Artikel leider nicht mit euch teilen. Aber immerhin die Fotos mit den Bildunterschriften gibt es hier.
Den Informanten des Journalisten haben wir übrigens am nächsten Tag per Zufall nochmals in Sundsvall getroffen. Er hat sich schön ins Fäustchen gelacht.







Josef, der genügsame Weggefährte, Energiespender, Spielkamerad, Tröster, Ruhespender, Wachhund und Türöffner.





Wer denkt, Schweden sei flach, war noch nie mit dem Fahrrad hier unterwegs. Es geht fast immer entweder rauf oder runter und natürlich fühlen sich die Steigungen deutlich länger und steiler an als die Gefälle. Zwei Tagesetappen lang folgen wir mehrheitlich dem Auf und Ab der alten E4. Die ehemalige Hauptverbindung zwischen Süd- und Nordschweden ist breit, in gutem Zustand und wenig befahren. Gut zum Kilometer abspulen. Aber landschaftlich bietet sie wenig, ausser man bringt ein ausgesprochenes forstwirtschaftliches Interesse und eine Vorliebe für Monokulturen mit. Fichtenwald, Birkenwald und Kiefernwald in allen Altersstufen wechseln sich ab mit Kahlschlagflächen, die den Blick weiten. Faszinierend endlos.
Ganz anders fühlt sich diese scheinbar grüne Wüste auf den Nebenstrassen an. Wenn wir eintauchen in den Wald, spüren wir seine Vielfalt, seine Lebendigkeit, seinen tiefen Atem, seine Mystik.
Für die Strecke von Iggesund nach Bergsjö suchen wir Wege abseits der Hauptstrassen. Wir wählen die Route über Silja, was uns ein intensives Naturerlebnis beschert und uns zudem an die Grenzen des Machbaren bringt. Der erste Teil der Strecke fordert uns mit Kiesbelag, Schlaglöchern und grenzwertigen Zwischensteigungen. Hinter dem Weiler Silja dann das Schild mit der Aufschrift «Här slutar allmän väg». Google Translator meint dazu: «Hier endet die öffentliche Strasse». Der Weg wird enger und immer schwieriger zu befahren, die Steigungen immer heftiger, so dass die Räder auf dem Schotter durchdrehen. Gemeinsam wuchten wir die Anhänger über grobe Steine und durch tiefe Regenwasserrinnen bis zum höchsten Punkt der Gegend. Offenbar dient dieser Weg als Zufahrtsstrasse zum Sendemast auf dem Hügel. Hier ist die Vegetation gleich viel karger und mutet schon sehr nördlich an. Auf der anderen Seite des Hügels erwarten uns Schnee und Eis auf der Strasse. Da wo der Schnee geschmolzen ist, bleibt ein schlammiger Untergrund zurück, in dem die schwer beladenen Fahrräder stecken bleiben.
Als wir 13 km vor dem Ziel wieder auf Asphalt treffen, sind wir alle erleichtert und geniessen den Tagesabschluss auf der Hauptstrasse, die plötzlich ganz attraktiv erscheint.
Erst um halb neun, kurz vor dem Eindunkeln, erreichen wir den Campingplatz Sagaliden in Högen, Bergsjö. Für hier sind zwei Ruhetage geplant, da der Wetterbericht Schneeregen und stürmische Winde voraussagt. Der Platzwart Gabriel empfängt uns herzlich und führt uns durch die gepflegte und wunderschön gelegene Anlage am See. Er zeigt uns auch die Stugor (Hütten) die man hier mieten kann. Nach den heutigen Strapazen und im Hinblick auf die kommenden Temperaturen können wir nicht widerstehen. Wir quartieren uns für drei Nächte ein und sinken ohne Abendessen in die warmen Betten.







Der Schwede sei kein Freund des Smalltalks, sagt der Reiseführer. Wir erleben es anders. Vielleicht liegt es an unserem sehr ungewohnten Auftritt mit Kind und Hund und Sack und Pack auf den Fahrrädern. Und zudem noch zu dieser Jahreszeit. Das erregt vielleicht die nötige Neugier, um das Eis zu brechen. Jedenfalls sind wir fast überall, wo wir auftauchen, rasch in ein kurzes Gespräch verwickelt. Es sind immer herzliche Begegnungen, bei denen viel gelacht wird und wir oft auch etwas Neues erfahren.
Gestern Abend haben wir den Fotografen Stefan kennengelernt. Er wollte im speziellen Abendlicht das alte, mit Wasser gefüllte Fischerboot fotografieren, welches bei unserem Nachtplatz am See vertäut war und schon die Kinder fasziniert hatte. Auch ein paar Bilder von uns hat er geschossen.
Vielen Dank, Stefan, für alle deine Tipps und dass du uns die Bilder zur Verfügung stellst!


Nach den ersten vier Tagesetappen und drei Nächten in der Wildnis gönnen wir uns einen Ruhetag auf dem Campingplatz bei Gävle direkt an der Ostsee. Bei kühlem, aber meist sonnigem Frühlingswetter haben wir uns die letzten vier Tage mit dem Land vertraut gemacht und die erste Routine entwickelt. Es scheint, als wären wir für unser Projekt kein bisschen zu spät gestartet. Beim Trinkwasser auffüllen bei der Tegelsmora Kyrka erzählt uns der Friedhofgärtner, dass noch bis vor Kurzem grosse Mengen Schnee eines harten Winters lagen. Hie und da sind die letzten Reste davon noch im Strassengraben zu sehen. Der Frühling zeigt sich erst andeutungsweise. Nur ein paar zögerliche Weidenkätzchen und die ersten Leberkraut- und Huflattichblüten zwischen dem abgestorbenen Gras des Vorjahres künden das kommende Erwachen an. Nachts fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Es lohnt sich, das Nachtlager im Wald einzurichten, um das Kondenswasser im und die Reifbildung auf dem Zelt zu verringern.
Für den Weg von Uppsala bis Gävle bleiben wir so oft wie möglich auf Nebenstrassen. Das bedeutet zwar einige Extrakilometer, aber vor allem entspanntes Fahren und ungetrübten Landschaftsgenuss. Mit dem erwachenden Frühling wächst auch unser Gefühl von Freiheit!










Ein kleiner Hinweis für alle, die unseren Weg genauer mitverfolgen wollen:
Die Karte unter «Route» ist unser Logbuch und wird regelmässig, bzw. bei Verfügbarkeit von WLAN, aktualisiert. Wir zeichnen hier unsere Etappenorte ein, jeweils mit einem Bild unseres Nachtlagers und Angaben zu den gefahrenen Kilometern.
Viel Spass beim Mitreisen!


In der ersten Woche in Schweden erleben wir jede Wetterlage , die zwischen minus fünf und plus zehn Grad möglich ist. Wir wissen nun, dass wir ein sturmböenfestes Zelt haben und dass unsere Schlafsäcke für Frostnächte zu dünn sind.
Nach unserer Ankunft mit der Fähre in Trelleborg fahren wir mit einem kurzen Frühstücksstopp in Ystad bis Västervik durch. Der Campingplatz «Västervik Resort» lockt uns mit einem attraktiven Angebot und Rahmenprogramm an, welches für Alinas Geburtstag wie geschaffen scheint. Im ersten Moment ist daher die Enttäuschung gross, als wir bemerken, dass sämtliche Angebote in der Nebensaison ausser Betrieb sind. Als wir aber feststellen, dass wir fast die einzigen Gäste auf dem riesigen Areal sind, haben wir natürlich auch Verständnis dafür. Wir finden mit einer kleinen Wanderung durch das Naturreservat Gränsö ein wunderschönes Ersatzprogramm, welches uns das raue Frühlingsklima der Schärenlandschaft erleben lässt.
Eine letzte Autoetappe führt uns nach Uppsala, dem Ausgangspunkt unserer Veloreise. Nach drei gemütlichen Tagen bei Marco, Ylva, Linus und Hilda ist jetzt alles bereit für die Abfahrt. Das Gepäck ist nochmals aussortiert, die letzten Einkäufe sind gemacht und die Satteltaschen gepackt. Sogar die Temperaturen sollen in den nächsten Tagen etwas steigen.
Wir sind startklar!









Wir sind auf der Fähre von Travemünde nach Trelleborg!
Nach drei gemütlichen Ostertagen bei Oma und Opa in Eischleben bei Erfurt haben wir heute Morgen zum zweiten Mal einen Coronatest absolviert. Wieder haben wir gezittert, obwohl wir eigentlich sicher waren, dass die Ergebnisse in unserem Sinne positiv ausfallen werden. Erleichtert und zuversichtlich haben wir die 500 km zum Fährhafen an der Ostsee abgespult.
Wir sind gespannt, ob dann beim schwedischen Zoll jemand unsere feinsäuberlichen Gesundheitsbestätigungen sehen möchte. Bei den Grenzübertritten nach Österreich und Deutschland hat das nämlich niemanden interessiert.
Es ist ein wunderbares Gefühl, nach all diesen Unsicherheiten und Wirren zu wissen, dass es nun tatsächlich klappt mit unserem grossen Schwedenabenteuer.
In einer Woche geht es dann los mit dem Fahrrad. Vorher wollen wir aber noch Alinas Geburtstag feiern in Västervik und Onkel Marco mit Familie besuchen in Uppsala.


Planmässig punkt zwölf Uhr sind wir gestartet. Unglaublich, wir sind tatsächlich unterwegs.

… wir fahren in 24 Stunden los.


Noch drei Tage. Die To-do-Liste wird immer kleiner und die Aufregung grösser.
Morgen um 15 Uhr geht es zum Coronatest. Von da an haben wir 48 Stunden Zeit, dass Land zu verlassen.

Allen Unsicherheiten und Widrigkeiten zum Trotz ist fast alles in die Wege geleitet für unseren zweiten Anlauf Richtung Nordkap. Heute machten wir die erste Trainingsfahrt und die wurde auch gleich zu einem Härtetest. Der Polenweg von Rothenbrunnen nach Domat/Ems war noch eingeschneit. Kleine Lawinenkegel und umgestürzte Bäume machten die Sache zusätzlich spannend. Ein Vorgeschmack auf die Verhältnisse im hohen Norden.




